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Friedrich von Gentz (1764-1832) ‒ ein Intellektueller avant la lettre? Beobachtungen anhand der Quellenpublikation "Gentz digital"

Leben und Wirken

Michael Rohrschneider

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Gentz wurde am 2. Mai 1764 im schlesischen Breslau geboren und war somit preußischer Staatsbürger. [1] Der preußisch-österreichische Dualismus im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation war zum Zeitpunkt seiner Geburt voll ausgeprägt. Im Jahr zuvor war es Friedrich II. von Preußen (1712-1786) mit dem Frieden von Hubertusburg gelungen, den territorialen Status quo seiner Monarchie und somit einmal mehr die zu Beginn seiner Regierung in völkerrechtswidriger Weise eroberten schlesischen Territorien zu behaupten. [2] Es folgten nun einige Jahre des inneren Wiederaufbaus in der Hohenzollernmonarchie.

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In diesen zeitlichen Kontext fallen die Kindheit und Jugend Gentz'. Sein vergleichsweise sittenstrenger und konservativ gesinnter Vater Johann Friedrich (1726-1810) machte im friderizianischen Preußen Karriere als Direktor der schlesischen Münze und Generalmünzdirektor in Berlin. Gentz' Mutter Elisabeth (1730-1804) war eine Nachfahrin von hugenottischen Einwanderern. Sie stammte aus der Familie Ancillon, die zu den besonders angesehen Hugenottenfamilien zählte, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. (1638-1715) und dem nachfolgenden Potsdamer Edikt (1685) des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620-1688) nach Brandenburg-Preußen gekommen waren.

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Gentz studierte unter anderem bei Immanuel Kant (1724-1804) in Königsberg, allerdings ohne dort einen universitären Abschluss zu erlangen. [3] Vielmehr trat er in den preußischen Verwaltungsdienst und somit gewissermaßen in die Fußstapfen seines Vaters. Glücklich wurde Gentz als Verwaltungsbeamter nicht, wie sich mittel- und langfristig herausstellte.

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Der junge Gentz war zunächst ein enthusiastischer Befürworter der Ideen der Französischen Revolution von 1789. Nach seiner 1793 erschienenen, berühmt gewordenen Übersetzung von Edmund Burkes (1729-1797) "Reflections on the Revolution in France" [4] entwickelte er sich aber ‒ nicht zuletzt unter dem Eindruck der Exzesse der 'terreur' ‒ zu einem wortgewaltigen Gegner der Ereignisse in Frankreich. [5]

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Gentz' brillante Formulierungsfähigkeiten blieben nicht lange unbemerkt, sondern erregten schon bald internationale Aufmerksamkeit. Die Folge war, dass Gentz schon um 1800 als "peut-être le meilleur écrivain politique qui existe maintenant en Allemagne" [6] galt, was in zunehmendem Maße nicht mit seiner nachrangigen Rolle als preußischer Kriegs- und Domänenrat korrespondierte.

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Das um 1800 in fulminanter Weise in den Vordergrund drängende publizistische Œuvre Gentz' war von bemerkenswerter Vielfalt. So hat er sich neben seinen Übersetzungen intensiv mit dem für die europäische Staatenwelt traditionell sehr wichtigen Leitgedanken des Gleichgewichts der Kräfte ("balance of power") auseinandergesetzt. [7] Er stellte Kants Konzept des ewigen Friedens auf den Prüfstand, [8] befasste sich mit dem Interventions- und dem Seerecht [9] und entwickelte sich überdies zu einem Finanz- und Währungsexperten [10] sowie zu einem vorzüglichen Orientkenner, [11] um hier nur einige Schwerpunkte seines Interesses zu nennen.

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Unzufrieden mit seiner subalternen Rolle in der preußischen Politik und getrieben von privaten Problemen – seine Ehe mit Maria Wilhelmine (Minna) Gilly (1774-1802), einer Tochter des Berliner Oberbaurats David Gilly (1748-1808), scheiterte – verließ Gentz 1802 Berlin und wandte sich dem traditionellen preußischen Rivalen Österreich zu.

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In den ersten Jahren seiner dortigen Tätigkeit blieb Gentz noch ohne klar definierten Aufgabenbereich und vermochte es zunächst nicht, eine nennenswerte politische Rolle zu spielen. Erst als enger Mitarbeiter des fast ein Jahrzehnt jüngeren Fürsten von Metternich (1773-1859) gelang es ihm, mit wichtigen politischen Aufgaben betraut zu werden. [12] Hierzu zählte vor allem seine intensive Tätigkeit als Hauptsekretär und geschäftsführender Koordinator ("Sekretär Europas") der internationalen Kongresse der Jahre 1814-1822. [13] Gentz wurde nun zu einem maßgeblichen Akteur und festen Bestandteil des repressiven "Systems Metternich". Allerdings geriet er im Gefolge der Juli-Revolution von 1830 in Konflikt mit Metternich und verlor in der Folgezeit seinen vormaligen Einfluss.

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Gentz war von Geburt bürgerlichen Stands. Zwar erlangte er im Jahre 1804 die Rangerhöhung zum schwedischen Chevalier; dieser Ritterwürde folgte aber keine Nobilitierung im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, [14] sodass er es letztlich auch nicht vermochte, bis in die politisch maßgeblichen hochadligen Führungskreise der Habsburgermonarchie vorzudringen. Hier blieben ungeachtet seiner zeitweise einflussreichen politischen Stellung ständische Schranken bestehen, die ihm zu schaffen machten. [15] Immerhin erreichte er in seinen späten Lebensjahren, dass er von der Wiener Staatskanzlei als "von Gentz" geführt wurde. Auch die offizielle Todesanzeige enthält das "von" als Namensbestandteil. [16]

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Ohne übertreiben zu wollen, lässt sich konstatieren, dass Gentz eine schillernde Persönlichkeit war, deren Lebenswandel im Urteil einiger Zeitgenossen anrüchigen, ja sogar teilweise skandalösen Charakter hatte. Er war ein Lebemensch, trotz hoher finanzieller Zuwendungen seiner Gönner stets verschuldet, ein nahezu süchtiger Spieler, und er hatte ‒ last but not least ‒ bis ins hohe Alter zahlreiche Liebschaften und Affären. Am 9. Juni 1832 starb Gentz in Weinhaus, heute ein Stadtteil Wiens.

Anmerkungen

[1] Von den Gentz-Biografien neueren Datums sind wissenschaftlich maßgeblich: Paul R. Sweet: Friedrich von Gentz. Defender of the Old Order, Madison / Wisconsin 1941; Golo Mann: Friedrich von Gentz. Gegenspieler Napoleons, Vordenker Europas (= Fischer-Taschenbücher 18800), Frankfurt am Main 2011 (Erstveröffentlichung 1946 in englischer Sprache); Jakob Baxa: Friedrich von Gentz (= Österreich-Reihe 273 / 275), Wien 1965; Harro Zimmermann: Friedrich Gentz. Die Erfindung der Realpolitik, Paderborn u.a. 2012; vgl. darüber hinaus den Beitrag von Alexandra Nebelung. Einen guten neueren Überblick über die umfangreiche Gentz-Literatur bietet folgender von Günter Herterich zusammengestellte Verkaufskatalog: Antiquariat Stenderhoff: Friedrich von Gentz. Leben und Werk. Zeit und Zeitgenossen (= Katalog 443), [Münster] 1990.

[2] Zum Frieden von Hubertusburg 1763 ist immer noch grundlegend, wenngleich veraltet: Carl von Beaulieu-Marconnay: Der Hubertusburger Friede. Nach archivalischen Quellen, Leipzig 1871; vgl. ergänzend Susanne Hahn (Hg.): Hubertusburger Frieden – ewiger Frieden?! 1. Hubertusburger Friedensgespräche, 21.-23. September 2006, Schloss Hubertusburg, Wermsdorf. Protokollband, London 2007; Dirk Syndram / Claudia Brink (Hg.): Die königliche Jagdresidenz Hubertusburg und der Frieden von 1763, Dresden 2013.

[3] Die neueste Forschung verneint die Frage, ob Gentz zuvor auch in Frankfurt an der Oder studiert hat; vgl. Raphaël Cahen: Friedrich Gentz (1764-1832): Penseur post-Lumières et acteur du renouveau de l'ordre européen au temps des révolutions. Thèse pour le doctorat en histoire du droit (France) / Inaugural-Diss. zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie (Deutschland), Aix-en-Provence / München 2014 [ungedruckt], 41.

[4] Vgl. [Edmund Burke:] Betrachtungen über die französische Revolution. Nach dem Englischen des Herrn Burke neu-bearbeitet [...] von Friedrich Gentz, 2 Teile, Berlin 1793; Jonathan Allen Green: Friedrich Gentz's Translation of Burke's Reflections, in: The Historical Journal 57 (2014), 639-659.

[5] Gentz' Verhältnis zur Französischen Revolution ist oft beschrieben worden. Aus der Fülle der Literatur sei an dieser Stelle lediglich folgende Monografie neueren Datums hervorgehoben: Maria Pia Paternò: Friedrich Gentz e la rivoluzione francese (= Dipartimento di Studi Politici 2), Rom 1993; vgl. zusätzlich auch Günther Kronenbitter: Gegengift. Friedrich Gentz und die Französische Revolution, in: Christoph Weiß (Hg. in Zusammenarbeit mit Wolfgang Albrecht): Von 'Obscuranten' und 'Eudämonisten'. Gegenaufklärerische, konservative und antirevolutionäre Publizisten im späten 18. Jahrhundert (= Literatur im historischen Kontext 1), St. Ingbert 1997, 579-608.

[6] So das prägnante Urteil des österreichischen Staatsmannes Johann Ludwig Joseph Graf von Cobenzl in einem Schreiben an Franz de Paula Karl Graf von Colloredo-Waldsee vom 5. August 1802; August Fournier: Gentz und Cobenzl. Geschichte der österreichischen Diplomatie in den Jahren 1801-1805, Wien 1880, 191.

[7] Vgl. insbesondere Friedrich Gentz: Fragmente aus der neusten Geschichte des Politischen Gleichgewichts in Europa, Sankt Petersburg 1806, ND Hildesheim / Zürich / New York 1997; Jost Dülffer: Friedrich Gentz ‒ Kampf gegen die Revolution und für das europäische Gleichgewicht, in: ders.: Im Zeichen der Gewalt. Frieden und Krieg im 19. und 20. Jahrhundert. Hg. von Martin Kröger, Köln u.a. 2003, 26-39.

[8] Friedrich Gentz: Ueber den ewigen Frieden, in: Friedrich Gentz (Hg.): Historisches Journal, Dezember 1800, 711-790.

[9] Vgl. neuerdings Cahen: Gentz (wie Anm. 3), 344-361, 260-267.

[10] Vgl. jüngst Zimmermann: Gentz (wie Anm. 1), 249-252.

[11] Vgl. den Beitrag von Christian Maiwald.

[12] Gentz selbst datierte den Beginn seiner "eigentliche[n] politische[n] Thätigkeit" rückblickend auf Ende des Jahres 1812; vgl. seinen Brief an Amalie von Helvig, Berlin, Oktober 1827, in: Gustav Schlesier (Hg.): Schriften von Friedrich von Gentz. Ein Denkmal, 5. Teil, Mannheim 1840, ND Hildesheim / Zürich / New York 2002, 316-325, hier: 320.

[13] Vgl. hierzu insbesondere die Dissertation von Barbara Dorn: Friedrich von Gentz und Europa. Studien zu Stabilität und Revolution 1802-1822, Diss. phil., Bonn 1993.

[14] Dies spiegelt sich bis heute darin wider, dass seine Namensbezeichnungen in der Forschung zwischen "Friedrich Gentz" und "Friedrich von Gentz" schwanken.

[15] Vgl. Zimmermann: Gentz (wie Anm. 1), 244-247.

[16] Vgl. Günther Kronenbitter: Wort und Macht. Friedrich Gentz als politischer Schriftsteller (= Beiträge zur Politischen Wissenschaft 71), Berlin 1994, 37.

Empfohlene Zitierweise
Michael Rohrschneider, Friedrich von Gentz (1764-1832) ‒ ein Intellektueller avant la lettre? Beobachtungen anhand der Quellenpublikation "Gentz digital" (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00002/9), aus: Gudrun Gersmann, Friedrich Jaeger, Michael Rohrschneider (Hg.), Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00002), in: mapublishing-lab, 2016, Seitenzitation: Leben und Wirken,
URL: http://gentz.mapublishing-lab.uni-koeln.de/digital-intellectuals/friedrich-von-gentz-1764-1832-ein-intellektueller-avant-la-lettre-beobachtungen-anhand-der-quellenpublikation-gentz-digital/leben-und-wirken/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 06.10.2016
Zuletzt geändert: 03.01.2017